Die Ostsee ist wütend

Heute Nacht haben wir ihn erlebt: unseren ersten Sturm (“blanker Hans”) an Bord der Phantasie. Es ist ein Uhr nachts, gleich beginnt meine Wache. Wie eine Nussschale geigt und stampft das Schiff durch die Wellen, wirft uns mit jedem neuen Brecher im Bett herum, an Schlaf ist nicht zu denken. Schnell anziehen. Jeder Schritt dient der eigenen Balance, die Arme suchen ständig nach Halt. Tom und Wolfgang stehen am Kartentisch unter Deck und werten die neuesten Wetterdaten aus:

7 Windstaerken aus Nordost, 2 Meter hohe Wellen. Die Ostsee ist wütend.

Ich ziehe mir die Kapuze enger um die Ohren und ein zweites Paar Handschuhe an und klettere an Deck. Jede Unterhaltung ist erstorben, der Sturm reisst uns die Wörter aus dem Mund. Um nicht bei einer unberechenbaren Schiffsbewegungen über Bord zu fallen herrscht Anleinpflicht, dafür hat jede Rettungsweste einen Stahlhaken mit Leine, die bei Betreten des Decks sofort eingeklinkt wird. Die vorherige Schicht ueberlaesst uns erschöpft das Kommando und zieht sich in die warmen Kojen zurück.

Zu zweit Nachtwache zu haben bedeutet eine klare Rollenverteilung: ein Matrose steuert, der andere erledigt den kompletten Rest – das heisst Schoten fieren (für Nichtsegler: Leine lassen), Schoten dichtholen (Leine anziehen) und für Heissgetraenke-Nachschub sorgen. Den schwierigeren Job hat aber der Steuermann: eine 15 Meter lange Jacht durch die brodelnde See zu steuern – heute Nacht mit Geschwindigkeiten von bis zu 10 Knoten – das verlangt Mut und eisernen Willen. Jede Ruderbewegung muss stimmen, ständig muss gegengesteuert werden, um nicht auf den Wellenkaemmen aus dem Kurs zu laufen – sekundenlang ist das Schiff dann nicht steuerbar und hört nur auf den Takt der Wellen.

Das ist keine Kaffeefahrt.

Um 3 Uhr können wir der schwedischen Marine, die sich über Funk nach unserem Befinden erkundigt, abflauende Winde melden. Mit steifgefrorenen Fingern krabbeln wir in die Kojen – gute Nacht blanker Hans.

Erste Wellen brechen an Bord


 
 
 

 

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